Gründe für Triggerwarnungen

Dieser Artikel behandelt häufig gesehene Argumentationen gegen Triggerwarnungen und setzt diesen Betrachtungen aus der Praxis entgegen.

Triggerwarnungen sind Zensur!

Zensur ist ein staatliches Instrument, um die Verbreitung von Werken oder Meinungsäußerungen zu verhindern. Eine persönliche Einschätzung eines Werks entspricht deshalb zunächst einmal nicht der Definition einer Zensur.

Zudem werden Künstler NICHT dazu angehalten, die Themen, vor denen gewarnt wird, zu vermeiden. Das wäre auch völlig kontraproduktiv. Viele Menschen, die Triggerwarnungen benötigen, sind sogar selbst Künstler und verarbeiten ihre traumatischen Erfahrungen in Werken, die wiederum Triggerwarnungen benötigen. Eine Warnung ist deshalb auch eine völlig wertneutrale Einschätzung und Inhaltslistung. Sie trifft keine Aussage darüber, ob ein Werk gut oder schlecht ist oder ob das Thema gut oder schlecht verarbeitet wurde. Triggerwarnungen sind eine Zusatzinformationen zum vorliegenden Werk.

Es gibt außerdem kein staatliches oder gar soziales Machtgefüge, das bewirken kann, dass Bücher ohne Triggerwarnungen

  • nicht geschrieben
  • nicht unterstützt
  • nicht publiziert
  • nicht gekauft
  • öffentlich geschmäht

werden.

Triggerwarnungen sind ein Spoiler, sie verraten, was in der Geschichte passiert!

(Spoiler nennt man das vorzeitige Erklären von wichtigen Storyelementen, bevor die Geschichte an diesem Punkt angelangt ist, die manchen Menschen dadurch den Spaß an der Geschichte verderben oder die Spannung reduzieren)

Einerseits: Das Lesen der Warnungen ist in der Regel freiwillig und eigenverantwortlich. Das heißt, Menschen, die befürchten, dass ihr Spaß an der Geschichte durch die Nennung der Themen verringert wird, können diese überspringen.

Andererseits: Es gibt tausende Wege, Teile oder gar die Gesamtheit der Geschichte von vornherein zu überblicken. Rezensionen, Inhaltszusammenfassungen, Wikipedia, oder das gute alte Vorblättern zum Ende, das Skippen im Video zu verschiedenen Zeitpunkten, das Sehen von Let's Plays, das Lesen von Reaktionen auf Twitter... Heutzutage kann man jedes Medium, bevor man es auch nur gekauft oder geborgt hat, bereits hundertfach anderweitig erfahren. Menschen, die keine Triggerwarnungen zur Verfügung haben und diese dringend benötigen, werden stattdessen also andere Wege nutzen. Insofern vermeidet man durch das Weglassen von Triggerwarnungen nicht, die Geschichte zu verraten. Im Gegenteil zwingt man Menschen, die sich dem Werk widmen wollen, sich tatsächlich von anderen spoilern zu lassen, um in einem zufälligen Nebensatz zu erfahren, ob es triggernde Inhalte gibt. Eine Liste erleichtert es Menschen, die Warnungen dringend benötigen,

Zusätzlich: „TW: Suizid“ ist eine reale Triggerwarnung, die auf „Herr der Ringe“ angewendet werden kann. Aus dieser Warnung erfährt man nicht:

  • wer diese Person ist
  • an welchem Punkt der Geschichte das stattfindet
  • warum es passiert
  • wer daran beteiligt ist
  • welche Konsequenzen sich daraus ergeben

Zu sagen, dass diese Warnung also den Inhalt von „Herr der Ringe“ verrät, ist in etwa so richtig oder falsch wie die Aussage, dass das Wort „Ringe“ im Titel der Geschichte spoilert, dass es um Ringe geht.

Wenn ich Triggerwarnungen einfüge, wird niemand mehr mein Buch lesen/mein Video sehen/mein Spiel spielen, also lasse ich sie weg!

Wie schon gesagt gibt es tausende Wege, auf die die Inhalte ihres Werkes sowieso öffentlich verarbeitet werden. Konsumenten ihres Werkes werden also im Zweifelsfall also auf andere Quellen ausweichen. Ihr Gewinn dabei, Triggerwarnungen nicht zu verwenden, ist also praktisch bei Null.

Menschen, die Triggerwarnungen benötigen, sind allerdings deutlich gewillter, Medien eine Chance zu geben, die Warnungen einsetzen, da die ausgehende Gefahr eine unerwartete Reaktion erleiden zu müssen geringer ist.

Triggerwarnungen helfen Menschen, sich schweren Themen zu entziehen, das kann ich nicht unterstützen!

Die Einschätzung, wie Menschen mit ihrer psychischen Gesundheit umgehen sollten, obliegt niemals einem Fremden. Sie möchten schließlich auch nicht, dass jemand nachts um 3 Uhr entscheidet, dass sie das bisschen Schlafentzug durch Death Metal durchaus ertragen.

Zudem können sie überhaupt nicht einschätzen, in welcher Art sich ein Mensch, der Triggerwarnungen benötigt, mit ihrem Werk auseinander setzen wird. Möglicherweise stellt jemand anhand dieser Warnungen fest, dass diese Trigger gar nicht für die jeweilige Person akut sind und deshalb dem Medienkonsum nichts im Weg steht. Viele Menschen, die Triggerwarnungen nutzen, konsumieren die Medien außerdem trotzdem - nur langsamer, bedachter, und mit Achtsamkeit für das eigene Befinden.

Sie haben nichts dadurch gewonnen, dass ein Trigger als Überraschung kommt, auch als Künstler nicht. Ein Abbruch als Folge eines nicht genannten Triggers ist viel wahrscheinlicher als ein Abbruch aufgrund eines vorangekündigten Triggers. Oder kurz: Wenn ihr Buch zum Fenster raus fliegt, wird es nicht zuende gelesen.

Letztendlich wird ihr Werk niemand dazu beeinflussen, Trigger endlich einmal auszuhalten und sich nicht davon beeinflussen zu lassen. Dafür sind Therapeuten zuständig, die dafür geschult sind, Expositionstherapie zu betreiben, die genau das zum Ziel hat.